Hebammen-Stress. Oder: Ich will doch bloß meine Ruhe

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Für meine erste Geburt entschied ich mich für die Hausgeburt mit Hebamme, da ich auf keinen Fall ins Krankenhaus wollte.
Ich freute mich auf die Geborgenheit unserer Wohnung, den Luxus nicht wohin fahren zu müssen und einfach das Kommende ohne andere Einflüsse empfangen zu dürfen.
Eines hatte ich jedoch nicht wirklich bedacht: Dass mich die Hebamme genauso stressen und beeinflussen kann, wie andere Aspekte bei einer Krankenhaus-Geburt.

{Fremd ist fremd}
Ja es ist nunmal so. Wenn man nicht gerade schon jahrelange eine Freundin hat, die zufällig Hebamme ist, dann ist es in der Regel so, dass die „eigene“ Hausgeburts-Hebamme in Wahrheit eine Fremde ist. Würde man sich irgendwo in der Öffentlichkeit kennenlernen, würde man sich unter Umständen gar nicht mit der Hebamme verstehen und auch nicht ihre Nähe suchen. Eine Hebamme wird meist keine richtige Freundin – es ist halt eine fremde Person, die dich so liebevoll wie möglich bei deiner Geburt begleiten möchte. Aber eben auf ihre eigene Art und Weise. Und die kennt man im Vorfeld meistens eben nicht so ganz… Denn dazu müsste man diesen Menschen vermutlich länger kennen.

Eine Geburt ist in Wahrheit eine sehr intime Angelegenheit. Wenn man jemanden zur Geburtshilfe hat, dann muss einem auch bewusst sein, dass dieser jemand sehr tief in deine körperliche sowieso geistige Intimsphäre eintreten wird. Natürlich gibt es auch Helferleins, die sehr liebevoll, fürsorglich und behutsam sind – dennoch sind sie da und wenn du mit ihnen nicht in voller Harmonie schwingst, dann wird es auf dich vermutlich mehr oder weniger störend wirken. (Das könnte dir auch erst im Nachhinein bewusst werden)

{So früh wie möglich Kontakt aufnehmen}
Deshalb wird vermutlich auch dazu geraten, so früh wie möglich eine Hebamme zu kontaktieren. Denn dann hat man auch noch ein paar Treffen miteinander und man kann sich besser kennenlernen.
Hat man bereits ein Kind mit einer Hebamme gebärt, so ist die Wahrscheinlichkeit enorm, dass man sich wieder für die selbe Hebamme entscheidet. Einfach weil man nicht wieder jemanden neuen in die Intimsphäre hereinlassen möchte und weil man ja mit der alten Hebamme bereits ganz gute Erfahrungen gemacht hat – zumindest hat die Geburt geklappt und das Kind und die Mutter waren gesund.

Ich denke es macht oft nicht wirklich viel Unterschied, ob man bei der ersten Geburt nun schon früh (in den ersten Schwangerschaftswochen) Kontakt zur Hebamme aufnimmt, oder erst etwas später (in der Mitte der Schwangerschaft oder noch später).
Bei meiner ersten Geburt war es relativ knapp. Ich hatte schon Angst gar keine mehr zu finden (mit dem Gedanken, dass ich ja dann ins Krankenhaus müsse – andere Optionen waren mir damals leider nicht bewusst).
Letztendlich war das erste Treffen mit meiner Hebamme super. Natürlich was sonst: Sie war nett und freundlich, fröhlich und offen für meine Ansprüche und Wünsche. Das sind doch die meisten Hebammen, oder?
Beim zweiten und letzten Treffen brachte sie eine „Ersatz“-Hebamme mit, die einspringen würde, falls sie gerade ihren Dienst im Krankenhaus hätte. Ich fand die „Ersatz-„Hebamme auch gleich total sympathisch und wünschte mir insgeheim, dass die Geburt mit ihr stattfinden sollte.

So war das ja dann auch. Wie meine Hausgeburt so verlief, kannst du dir hier gerne durchlesen.

{Hebammenstress}
Ich hatte so das rosige Bild von einer Hausgeburt mit Hebamme. Dachte das läuft alles ganz harmonisch und total entspannt ab.
Zusätzlich war ich geprägt von dem HypnoBirthing-Kurs und -Buch und wollte unbedingt diese Erfahrung einer schmerzfreien und entspannten Geburt erleben.

Aber so kam es nicht und während der Geburt konnte ich die Einwirkungen der Hebamme auch nicht wirklich bewusst zuordnen. Das kam dann erst alles Tage und Wochen später nach der Geburt. Da wurde mir irgendwann klar, dass eigentlich vieles passiert ist, das ich gar nicht wirklich wollte oder mich körperlich sowie geistig total gestresst hatte.

Damit meine ich aber nicht, dass die Hebamme hier die „Böse“ ist – Nein ich selber habe mir diesen Stress durch die Hebamme machen lassen. Weil ich nicht wirklich auf die Hebamme vorbereitet war und weil ich die Verantwortung abschob, statt sie zu übernehmen. Und das fing schon an, als die Hebamme noch gar nicht da war:

1) Den ganzen Tag lang spürte ich schon Wehen und gegen Abend, als sie stärker wurden, drehten sich meine Gedanken sehr oft um die Frage „Wann sollen wir bloß die Hebamme anrufen“. Anstatt auf mein Gefühl und meinen Körper zu hören, war ich dauernd außerhalb und war in Erwartung der Hebamme. So als würde die Geburt ja erst dann richtig losgehen, wenn sie da ist.

Während der Geburt, waren da weitere Faktoren, die mich stark beeinflussbar machten. Abgesehen davon, dass ich Schmerzen und sicherlich auch eine gewisse Angst hatte:

2) Als die Hebamme dann da war und auch da blieb (die Geburt ging endlich los) gab ich meine innerliche Verantwortung an die Hebamme ab. Mir war nicht wirklich bewusst, dass ich ja ganz alleine (mit meinem Baby) diese Geburt vollziehen muss und dachte tatsächlich in meiner vollen Naivität, dass die Hebamme das schon irgendwie machen wird.

3) Immer wieder und immer wieder und immer wieder … hörte die Hebamme zwischen meinen Wehen die Herztöne des Kindes mit ihren Instrumenten ab (obwohl ja eigentlich keine Komplikationen herrschten oder Grund zur Sorge war). Da die Wehenpausen da schon recht kurz waren, war das ein sehr stressiges Prozedere und im Nachhinein spüre ich auch, dass mich das intensiv aus meinem Geburtsprozess herausgeholt hatte bzw. kam ich nie wirklich in diesen Zustand hinein.

4) Meine selbstgewählte Geburtsposition war eine Art Vierfüßer-Stand auf der Couch. In der Position verharrte ich am Ende der Geburt die ganze Zeit. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich mich ja noch verändert aufrichten hätte können.
Auch hier war ich irgendwie verkrampft und beeinflusst. Ich hätte meinen Instinkt gar nicht wahrgenommen, wenn er mir gesagt hätte, ich solle mal meine Position verändern. Zu sehr wurde schon an mir „herumgewerkt“ mit Herztöne-Abhören und Tasten und Gucken. Ich konnte gar nicht anders als so zu verbleiben.
„Die Hebamme wirds schon wissen“ falls es keine gute Position wäre, so der Grundgedanke, der vermutlich auch hier vorherrschte.

Auch nach der Geburt war irgendwie keine Spur von Entspannung oder Harmonie:

5) Nach 20-30 Minuten fing die Hebamme an an mir herumzudrücken, da ja die Plazenta jetzt raus sollte. Das empfand ich auch sehr stressig und unangnehm. Ich sagte natürlich nichts, denn ich war ja davon überzeugt, dass die Hebamme hier die Chefin ist und nicht ich selbst.

6) Das Baby wurde nach ein bisschen Bonding vermessen und gewogen, angeguckt und zurechtgezupft.

7) Es wurde dann auch eifrig an meine Brust gelegt, da es ja jetzt anfangen sollte zu trinken. Die Hebamme zupfte an meiner Brust herum und steckte dem Kind meine Brust in den Mund. Einmal so und einmal und mal sehen wie es am Besten geht und ja nicht aufgeben, denn das ist ja jetzt gerade so wichtig … Stress, Stress.

Auch das Wochenbett empfand ich mit Hebamme mehr als stressig. Sie meinte es gut, und wollte halt, dass es uns an nichts fehlt.

8) Jeden Tag kam sie vorbei um zu wiegen, denn das Kind durfte ja nicht viel abnehmen, sondern musste in den nächsten Tagen kontinuierlich zunehmen.
Da das nicht so wirklich der Fall war, fing man an mit Milchabpumpen und Beifüttern mit diesem winzigen Schläuchlein, während das Kind an der Brust nuckelt.
Die Prozedur mit Milchabpumpen, Schläuchlein vorbereiten, Kind ungeübt anlegen und versuchen zu stillen – tags und nachts im 2 Stunden-Takt – war einfach zu viel und dermaßen stressig für mich.

9) Als ich dann auch noch Fieber bekam und die Hebamme meinte, eventuell müsse ich ins Krankenhaus, um zu sehen, ob ich noch Plazenta-Reste in mir hatte, war meine Gute Miene wohl wirklich dahin.

Kurzerhand packten wir unsere sieben Sachen und fuhren mit unserer kleinen Maus ins nächste Bundesland zu meiner Mutter. Gaaaanz weit weg von der Hebamme und ihren täglichen Besuchen.

UND DAS TAT SO GUT! Endlich konnte ich in der neuen Situation ankommen. Endlich konnte mein Baby ankommen. Wir genoßen den Garten meiner Mutter, die frische Luft, die Sonnenstrahlen, die Geborgenheit, das Fallen-Lassen und einfach an Nichts-Denken müssen.
Raus aus dem Hebammenstress, endlich hinein in die Selbstverantwortung und in das eigene Leben zurück.

{Alleingeburt}
Als ich wieder schwanger wurde, wusste ich, dass ich das diesmal anders machen möchte. Da wir auch umgezogen waren, war ich auch irgendwie froh, dass nun die Hebamme unserer Wahl so weit weg wohnte, dass sie eine lange Anreise hatte.
Hätte ich damals nicht so viel Respekt vor der „Hebammenpflicht“ gehabt und geglaubt, dass Alleingeburten in Österreich verboten sind, so hätte ich vermutlich gar keine Hebamme bei der zweiten Geburt „gebucht“.

Denn ich wusste einfach, dass ich diese Geburt diesmal ohne Hebamme Zuhause machen würde, und so war das ja dann auch.
Und auch auf die Wochenbett-Betreuung konnte ich selbstbewusst verzichten. Mir ging es so gut, dem Baby ging es gut und einen weiteren Hebammenstress wollte ich mir wirklich nicht mehr antun.
Obwohl es jetzt auch nicht unbedingt eine „Traumgeburt“ aufgrund der Situation mit meiner Tochter war, war diese Alleingeburt ein Meilenstein in meinem Bewusstsein. Es war kein Vergleich zu einer Hausgeburt mit Hebamme und ist etwas, das unbedingt mehr Beachtung verdient.

{Es geht um Verantwortung}
Ich bin nicht gegen Hebammen und deren Beruf.
Ich finde Hebammen generell in unserer Gesellschaft wichtig und gut. Es ist ein schöner Beruf und viele machen diesen aus ganzer Liebe und mit viel Herz.
Jede Mutter soll das ja auch für sich entscheiden dürfen, ob sie eine Hebamme als Begleiterin dabei haben möchte oder nicht.

Aber es ist sehr wichtig, dass man lernt die eigene Verantwortung zu übernehmen und nicht im Laufe des Geburtsprozesses der Hebamme abgibt. Und das ist es, was leider sehr schnell und oft passieren kann. Auch wenn es unbewusst ist.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, wie es sich anfühlt – jedoch merkt man das auch oft erst im Nachhinein, wenn schon alles vorbei ist.

Eine Alleingeburt hätte ich damals bei meinem ersten Kind vermutlich auch nicht geschafft, denn ich hatte zu wenig Erfahrung (obwohl ich viele Bücher gelesen und viele Videos gesehen hatte). Irgendwie konnte ich die Essenz einer Alleingeburt nicht richtig erfassen. Ich war begeistert von dieser Theorie und wollte es auch gerne, aber ich merkte, dass ich doch auf eine Hebamme angewiesen war und diese auch irgendwie wollte oder brauchte oder einfach nur glaubte, sie zu brauchen.
Beim ersten Kind ist alles noch so neu und anders. Man hat keine Ahnung was da wirklich auf einen zukommt. Man hat so viele Fragen und kann sich nicht vorstellen, wie das alles so wirklich wird. Genau das ist ja auch das Problem: Man ist zu sehr im Verstand und zu wenig im Gefühl… Daweil müsste man sich nur fallen lassen und dem Körper blind vertrauen.

Ich finde es so wichtig, dass dieses Thema immer mehr in unser kollektives Bewusstsein gelangt, sodass in Zukunft auch viele Erstgebärende eine Alleingeburt in Liebe und Harmonie erleben können.
Ich wünsche dir viel Mut, Liebe und Sicherheit.

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In dankbarer Liebe
Ariella Sophie

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