{GEBURTSBERICHT} Meine erste Haus-Geburt. Oder: Irgendwie nicht so ganz stimmig

nebel
Bereits in meiner ersten Schwangerschaft war mir klar: Ich gehe in kein Krankenhaus, um mein Kind zu gebären.

Also musste eine Hebamme her. Da ich mir ziemlich viel Zeit gelassen hatte und beinahe erst im letzten Trimester versuchte eine Hebamme zu finden, stand ich natürlich etwas unter Stress und der Angst, dass ich keine mehr finden würde, die noch Zeit für mich und die Geburt meiner Tochter hätte, und ich dann doch noch ins Krankenhaus zur Geburt müsse.

{Auf Hebammen-Suche}
Doch ich hatte „Glück“ und eine sehr nette Hebamme wollte sich mit mir zum Kennenlernen treffen.
Das Treffen verlief eigentlich recht harmonisch, wenn auch etwas angespannt von meiner Seite. Ich wusste ja nicht viel über Geburten und die Fragen der Hebamme, ob ich denn noch etwas Wissen wollte, überforderten mich.
Wir besprachen was ich alles für die Geburt Zuhause vorbereiten sollte oder noch kaufen musste. Unter anderem waren das Dinge wie Einlagen fürs Wochenbett, Windeln, Einweg-Unterlagen für die Geburt, einen Eimer, Waschlappen, etc etc. Es war wie eine Check-Liste und sehr systematisch.
Wir besprachen auch, wie die Geburt ablaufen sollte. Was ich mir Wünsche und wie ich es mir vorstellte.
Hier sagte ich ihr natürlich sogleich, dass ich eine natürliche Geburt wollen würde und tastete mich auch vorsichtig an die Frage heran, ob ich das Kind denn nicht alleine – ohne ihr Einschreiten – bekommen könnte.
Sie war da sehr offen und herzlich und sagte mir, dass sie kein Problem damit hätte, wenn sie einfach nur im Nebenraum sitzt und sie nur kommt, wenn ich sie rufe.

Bei unserem zweiten Treffen nahm sie eine Hebammen-Kollegin mit, denn sie sagte mir, dass es sein könnte, dass sie eventuell nicht kommen könnte, wenn ich genau in diesen Wochen an diesen Tagen in der Nacht mein Baby bekommen würde, da sie Dienst im Krankenhaus hätte.
Das machte mir aber nichts. Denn ihre Kollegin fand ich irgendwie noch herzlicher. Vermutlich auch deswegen, weil sie einfach jünger war – ja sogar jünger als ich selbst (um 2 oder 3 Jahre).
Insgeheim wünschte ich mir sogar, dass meine offizielle Hebamme verhindert sein würde, sodass ihre Kollegin kommen müsste.
So war es dann auch.

{Die Geburt – der Anfang}
Am 8. August 2013 wachte ich um circa 6 Uhr in der früh auf. Die ersten Anzeichen der Wehen machten sich schon bemerkbar. Sie waren jedoch sehr sanft und noch unregelmäßig, auch wenn die Abstände schon relativ kurz schienen.
Mein Lebensgefährte, der das alles noch nicht so wild sah, ging an diesem Tag wie gewohnt zur Arbeit, obwohl ich ihn lieber bei mir gehabt hätte.

Am Nachmittag waren die Wehen dann schon wirklich recht regelmäßig und kamen so etwa alle 3-5 Minuten und die Stärke war auch schon ausgeprägter. Ich machte mir die Mühe auf einem Zettel die Wehen-Zeiten aufzuschreiben. So quasi als Beweis.
Ich rief meinen Lebensgefährten an und sagte ihm, er soll doch bitte kommen, denn die Geburt sei nun bald im Gange.
Als er kam ließ er mir die Geburts-Wanne mit Wasser ein und ich setzte mich hinein, um zu entspannen.
Ich war aber nicht wirklich entspannt, denn ich wusste ja gar nicht was auf mich zukam, hatte zu viele Gedanken und Ängste und ich dachte ja wirklich die ganze Zeit, dass es jetzt gleich losgeht. Gespannt wartete ich die regelmäßigen Wehen ab und versuchte auch schon willkürlich irgendwie leicht zu drücken/pressen und meinte, dass es jetzt wirklich gleich losgehen würde und ich das Kind gleich in den Armen halten könnte.

Mein Freund kontaktierte die Hebamme, diese meinte – nachdem sie sich nach den Abständen der Wehen und nach dem Schmerz-Empfinden erkundigt hatte – dass es noch etwas dauern würde. Und dass sie aber heute Nacht nicht kommen könne, da sie Dienst habe. Wir sollten also ihre Kollegin anrufen, falls es in der Nacht losgehen würde.

Nach einigen weiteren Stunde hatte ich dann die Nase voll und ich wollte nicht mehr im Wasser sitzen.
So stieg ich aus der Wanne und verbrachte die weitere Zeit auf der Couch.
Immer noch mit den Gedanken, dass es gleich losgehen würde, vergingen die weiteren Wehen.
Und plötzlich wurde es Abend. Es wurde Nacht. Und die Wehen wurden schier unerträglich.
Etwa um Mitternacht riefen wir die Hebamme. Sie kam.

Ich war schon völlig erschöpft und obwohl ich eigentlich während der ganzen Schwangerschaft nicht wollte, dass man mir bei der Geburt nachsieht wie weit der Muttermund schon offen ist, flehte ich sie zu diesem Zeitpunkt beinahe schon an. Sie solle doch bitte sehen, wie weit es schon ist und wie lange ich noch aushalten musste.
Zu meiner großen Enttäuschung war der Muttermund noch nicht mal annähernd so weit, dass man sagen hätte können es sei schon irgendein großartiger Geburtsprozess in Gange.
Die Hebamme fuhr also wieder.

Die nächsten Stunden pendelte ich ständig vom WC zur Couch. Nicht, dass ich ständig aufs Klo musste, doch auf dem WC zu sitzen war die größte Erleichterung meiner Wehen. Dort konnte ich sie am besten wegatmen und hatte die geringeren Schmerzen.
In den 3 Minuten Wehen-Pause versuchte ich mich auf der Couch zu entspannen und zu schlafen. Da ich ja seit circa 6 Uhr in der früh kein Auge mehr zugemacht hatte – in der naiven Annahme, es würde ja gleich soweit sein – war ich zu diesem Zeitpunkt echt schon sehr müde und konnte schon nicht mehr.
Die Wehen waren für mich schrecklich, mein ganzer Körper war bereits erschöpft. Alles was ich im Hypno-Birthing-Kurs „gelernt“ hatte, war wie vergessen und konnte ich kaum anwenden. Einige Male geling es mir, die Wehen gut wegzuatmen, doch irgendwann kam der Zeitpunkt, da ging einfach gar nichts mehr.

Die ganze Zeit war ich auch auf meinen Freund fixiert, er solle mir doch irgendwie helfen – gut zureden, oder mich massieren, oder mit mir laut atmen/stöhnen.
Er war jedoch selbst schon sehr erledigt von diesem Tag, sodass er oft mal einschlief. Ich ließ ihn also schlafen und kämpfte mich alleine durch meine Wehen. Ich hatte jetzt keine Zeit auf ihn sauer zu sein.

{Jetzt geht’s erst richtig los}
Zwischen 2 und 3 Uhr morgens weckte ich ihn, da ich die Wehen gar nicht mehr ertragen konnte. Ich sagte ihm, er solle sofort die Hebamme anrufen – sie solle kommen.
Als würde alles besser werden, wenn die Hebamme nur da wäre.

Ich ging warm duschen.
Das tat sehr gut und war sehr angenehm.

Mein Freund kam zu mir ins Bad und sagte, die Hebamme sei nun da.
Ich sagte ihm etwas verlegen und aufgelöst, ich hoffe ihr macht es nichts aus, wenn ich nackt bin.
Sie hatte mich ja noch nie so ganz nie gesehen und es war mir eigentlich unangenehm. Eigentlich war sie ja eine „Fremde“.
So stieg ich aus der Dusche, ging durch die Küche an der Hebamme vorbei – nackt – und stützte mich auf der Couch im Vier-Füßer-Stand an die Armlehne.

Die Wehen waren stark. Meine Stimme wurde immer lauter. Die Hebamme atmete/stöhnte jedoch laut mit mir mit. Endlich! Endlich jemand, der mir hilft, dachte ich und konnte mich mehr auf das Stöhnen konzentrieren und richtig loslassen und laut sein.
Sie gab mir zwischenzeitlich immer wieder ein anthroposophisches Mittel, das mich mehr entspannen sollte – oder mir die Schmerzen nehmen sollte? Ich weiß es nicht mehr. Ich hätte mir zu diesem Zeitpunkt alles geben lassen. Ich hätte mich vermutlich auch aufschneiden lassen, mich mit Schmerztabletten volldröhnen oder sonst etwas – nur um endlich fertig zu sein. Ich konnte nicht mehr.

Gott sei Dank kam es nicht so. Gott sein Dank, war ich nicht im Krankenhaus. Dort hätte man mir doch alles gegeben. Dort wäre alles anders gewesen. Dort wäre es eine furchtbare Geburt mit furchtbaren Ausgang geworden. Ich möchte nicht wissen, wie es im Krankenhaus verlaufen wäre.

Hier Zuhause gab es nichts, dass mir „helfen“ konnte – ich musste da jetzt einfach durch.

Die Hebamme hörte ständig zwischen den Wehen immer die Herztöne des Kindes ab.
Mir ging das eigentlich etwas auf die Nerven, akzeptierte es in meinem Zustand jedoch einfach.

Und endlich war es so weit – ich spürte wie mein Körper instinktiv anfing zu pressen, als die ersten Presswehen kamen. Ich konnte nicht anders, es war ganz automatisch.

{Demütigend}
Hier kniete ich nun. Im Vier-Füßer-Stand. Mit den Armen und dem Kopf auf der Armlehne angelehnt. Und hinter mir die Hebamme und mein Freund. Mit großzügiger Aussicht auf meine Vagina und alles, was dort gerade abging. Irgendwie demütigend.
Aber das war mir zu diesem Zeitpunkt egal; ich hatte auch keine Zeit großartig darüber nachzudenken oder andere Maßnahmen zu ergreifen.

Die Fruchtblase platzte, die nächste Wehe beförderte mein Kind schon gegen meine Öffnung. Man konnte die vielen Kopf-Haare meiner Tochter sehen – zumindest laut Live-Aussage meiner Hebamme und von ihrem Platz aus.
Noch eine Wehe, noch eine Wehe. Es schmerzte. Nicht nur die Wehe, sondern meine Vagina – es fühlte sich an, als würde da gleich alles aufplatzen.

{Erleichterung}

Als endlich der Kopf „geboren“ war, spürte ich die erste Erleichterung. Meine Hebamme versicherte mir, dass nach der nächsten Wehe alles vorbei wäre und ich mich noch einmal richtig anstrengen sollten. Meinen Lebensgefährten fragte sie, ob er das Kind auffangen wolle.
Die Wehe kam, ich presste wie verrückt, und endlich war unsere Tochter geboren.
Am 9. August 2013 um 5:36 – Also fast 24 Stunden nachdem ich die ersten Wehen gespürt hatte.
24 Stunden ohne Schlaf. Mein Körper war am Ende. Ich fühlte mich richtig mies und schlapp.

{Gefühls-Chaos}
Ich bekam meine kleine Tochter in den Arm gelegt und konnte sie zum ersten Mal halten.
Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich freute mich, war aber auch total am Ende und wollte nur meine Ruhe.

Ich brauchte 7-10 Tage im Wochenbett, bis ich wieder einigermaßen fit war.
An den ersten Tagen konnte ich nicht einmal richtig aufstehen, ich hatte überhaupt keine Energie und meine Beine hatte keinen Kraft, um meinen Körper zu tragen.

Ich war zwar irgendwie froh, dass die Hebamme bei der Geburt dabei war – denn ich hatte Ängste – doch im Nachhinein betrachtet, gab es da Vieles was Besser hätte sein können und ich verstehe immer mehr, wie unser Unterbewusstsein bei einer Geburt beeinflusst wird, sodass wir nicht im Fluss sind und eine erschwerte Geburt erleben müssen.

Laut Aussages meiner Hebamme war es eine Geburt wie im Bilderbuch.
Keine Komplikationen, ein schneller Geburtsverlauf, nur ein ganz kleiner Damm-Riss, alles rosig, alles super.
Damals dachte ich das auch. Damals war das alles normal. Damals war das eben eine Geburt, wie eine Geburt nun mal ist. Hauptsache dem Kind gehts gut und die Mama erholt sich ja wieder.
Keine Komplikationen – ist doch super. Alles rosig.
So habe ich mir das doch vorgestellt: ganz natürlich. Zuhause. Selbstbestimmt. Ohne Medikamente. Mit der Hebamme des „Vertrauens“ …

{Nie wieder}
Und heute weiß ich ganz genau: So eine Geburt will ich nie wieder erleben.

Es war nicht stimmig, teilweise demütigend, und ich habe die Verantwortung auch an andere abgeschoben.
Und doch erleben so viele Frauen eine solche Art der Geburt.
Und alle diese Frauen denken wirklich, es war wie im Bilderbuch … Da niemand selber darüber reflektiert, alles gedanklich weggeschoben wird und man die „Norm“ nicht in Frage stellt …

Eine Geburt geht auch anders. Besser. Viel Besser.
Das nächste Mal erzähle ich euch davon; von meiner Allein-Geburt meines Sohnes.

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In dankbarer Liebe
Ariella Sophie

2 Kommentare zu “{GEBURTSBERICHT} Meine erste Haus-Geburt. Oder: Irgendwie nicht so ganz stimmig”

  1. Herzlichen Dank für deinen Geburtsbericht <3 … Du bist mir sympathisch…
    ich kenne dich über Sara Schmidt….. Projekt Mutter…

    Nach dem Sturzabbort, mit dem 2. Kind nun schwanger, werde ich in Dezember häuslich mit Hebamme entbinden. Ich weiß nicht, was auf mich zukommen wird.

    Ich wünsche mir von ganzem Herzen würdevoll zu gebären.
    Ich hoffe nur, dass ich nicht ständig im Geburtsprozess belästigt werde….

    Über KH denke ich genauso. :)

    Deine Erfahrung war für mich wissenswert.

    Herzliche Grüße, Anne

    1. Danke für dein Feedback liebe Anne :) Ich freue mich, wenn meine Artikel zum Nachdenken anregen und so manche Frauen inspirieren können.
      Ich wünsche dir eine wundervolle häusliche und würdevolle Geburt im Dezember!

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